Erst lesen, dann schnäuzen

01.11.2012

Bildinhalt: Erst lesen, dann schnäuzen | Kurze Geschichten über Lindenau sollen auf Stofftaschentüchern zu lesen sein. / Foto: Prosawerkstatt
Kurze Geschichten über Lindenau sollen auf Stofftaschentüchern zu lesen sein. / Foto: Prosawerkstatt
 

In das gute alte Stofftaschentuch schnäuzen sich heutzutage noch Senioren und solche Zeitgenossen, die ihre Aversion gegen die Wegwerfmentalität öffentlich demonstrieren wollen. Mit dem Baumwollviereck lässt sich aber auch etwas anfangen, das seine Rolle als schnöder Gebrauchsgegenstand übertrifft. Die Prosawerkstatt und der Lindenauer Stadtteilverein bedrucken demnächst Taschentücher mit Literatur. Und dafür suchen sie Geschichten, die auf wenige Quadratzentimeter Stoff passen. Das Ergebnis ist Literatur to go und kommt ab dem Winter per Automat in wechselnde Leipziger Buchhandlungen.

Die Idee kam zufällig beim Umzug des Lindenauer Stadtteilvereins in ein neues Büro in der Goetzstraße 2. "Da waren allerhand Sachen von den Vermietern liegen geblieben. Unter anderem so ein Automat, in dem man für einen Euro kleine Spielzeuge in Plastikkapseln ziehen kann", erinnert sich Vorstandsmitglied Christina Weiß. Sie und Anna Kaleri von der benachbarten Prosawerk- statt dachten, dass sich mit diesem Automaten ganz einfach Lindenau-Typisches sammeln und verbreiten lassen könnte: Geschichten über ihren Lieblingsstadtteil, gedruckt auf Taschentüchern, die in jede Hosentasche passen.

Der erste Text stand schnell fest. Jeder alteingesessene Lindenauer denkt bei dem Wort Taschentuch sofort an die Kneipe Taschentuchdiele in der Georg-Schwarz-Straße 17. In der "Ballade von den kleinen Leuten in der Taschtentuchdiele zu Leipzig" hat der Maler und Autor Karl Hermann Roehricht seine Erinnerungen an den damals beliebten und heute nicht mehr existierenden Arbeitertreffpunkt festgehalten. "Der Wirt mit Armen wie ein Bär, die Wirtin schmal, doch hinten schwer," beginnt das 1148 Anschläge lange Gedicht. Genau die richtige Größe für ein Taschentuch.

Auch die anderen Texte sollten nicht länger als 1500 Zeichen sein. Und wichtig ist, dass sie "Typisches, Anekdoten und Erinnerungen aus dem Stadtteil Lindenau festhalten", sagt Anna Kaleri. "Lindenau ist voller Geschichten. Sie liegen in der Luft oder auf den Lippen der Bewohner", meint die Betreiberin der Prosawerkstatt, die auch selbst Autorin ist. Mitmachen könne bis 11. November jeder, der etwas über Lindenau erzählen wolle. Egal ob alteingesessen, zugezogen oder in einem ganz anderen Leipziger Stadtteil wohnend.

Sven Reese (Schauspieler), Jaqueline Simon (Buchhandlung Seitenblick), Volly Tanner (Autor, Mitglied im Sächsischen Literaturrat) und Julia Tausend (Autorin, Regisseurin) werden alle Einsendungen sichten und vier Gewinner auswählen, die bei einer Preisverleihung am 1. Dezember ein Geschenk abstauben. Die Preise haben natürlich alle etwas mit Lindenau zu tun.

Text von Verena Lutter

Leipziger Volkszeitung, vom 30.10.2012

Mehr Informationen:
Stofftaschentücher und Geschichten à 1500 Zeichen können bis zum 11. November in einen der fünf Taschentuchgeschichten-Briefkästen in Lindenau eingeworfen werden. Sie stehen im Büro des Quartiersmanagement Leipziger Westen (Karl-Heine-Straße 54), im Kaffee Schwarz (Georg-Schwarz-Straße 56), in der Buchhandlung Seitenblick (Goetzstraße 2), im Kunz von Kaufungen (Georg-Schwarz-Straße 7) und beim Lindenauer Stadtteilverein (Roßmarktstraße 30). Mehr unter www.prosawerkstatt.de/taschentuchgeschichten .


Nachricht vom 01.11.2012
Autor: