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Den Nazis die Stirn geboten - Buch beschäftigt sich umfassend mit jugendlichem Widerstand in Leipzig

Bildinhalt: Den Nazis die Stirn geboten - Buch beschäftigt sich umfassend mit jugendlichem Widerstand in Leipzig | Repro: Bert Endruszeit
Repro: Bert Endruszeit
 

Uniformierte Kinder am Rande eines Naziaufmarsches in Leipzig. Gegen die Hitlerjugend setzten sich in der Messestadt hunderte Jugendliche in den so genannten "Meuten" zur Wehr.

Uniformen, Gleichschritt, Trommelklang - dieses Bild wird meist mit dem Thema Jugend im Dritten Reich verbunden. Doch jenseits des reglementierten Alltags versuchten auch in Leipzig junge Leute ganz eigene Wege zu gehen. Alexander Lange hat sich im Rahmen seiner Doktorarbeit mit dem Thema beschäftigt. Sie liegt jetzt als Buch vor.
Das Buch schließt eine Lücke in der Regionalgeschichte.

Trotz umfassender Propaganda-Aktionen gelang es den Nationalsozialisten bis Mitte der Dreißigerjahre nur schleppend, die Mehrzahl der jungen Leute in die Hitlerjugend (HJ) zu holen. Wie im Leipziger Stadtarchiv erhaltene Unterlagen belegen, waren mit Stichtag 1. Mai 1935 gerade einmal gut 25 Prozent der Berufsschüler in der HJ, in den Volksschulen waren es gut 28 Prozent. Alles in allem waren nur gut 33 Prozent aller Schülerinnen und Schüler dort organisiert. Der Durchschnitt für das gesamte Deutsche Reich lag bei gut 48 Prozent. Zahlen, die die Nazis nicht ruhen ließen, schon ein Jahr später vermelden die Statistiken für Leipzig einen Wert von fast 64 Prozent. Doch ein solcher Zuwachs beruhte vor allem auf massiver Werbung und auf Druck.
Offener Widerstand war jedoch eher die Ausnahme. So gelang es den Nazis bereits bis Frühjahr 1933, die illegalen Strukturen der Kommunisten in Leipzig fast völlig zu zerschlagen. Auch die anschließend neu organisierten Strukturen wurden von der Gestapo bald aufgedeckt. Anhand zahlreicher Quellen weist Buchautor Lange in seiner Dissertation zudem nach, dass sich die wenigen aktiven Kommunisten vorrangig damit beschäftigten, die Sozialdemokraten in ein schlechtes Licht zu rücken. "Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fand kaum statt", stellt Lange fest. Darüber hinaus lief die Idee, die "Massen" per Flugblattaktionen für einen organisierten Widerstand zu gewinnen, angesichts der Realitäten im NS-Staat ins Leere.
Einen ganz anderen Ansatz verfolgten junge Leute, die aus den verschiedenen Jugendbünden der Weimarer Republik stammten. Sie widersetzten sich durch gemeinsame Unternehmungen ganz bewusst den Zwängen des Regimes. "Auf Fahrten trägt man graue Turnerhemden, darüber rote oder blaue Pullover mit Rollkragen", notierte die Gestapo im April 1936 im Bezug auf eine Gruppe junger Leute. Eine solche einheitliche Kluft stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl und ließ sich offiziell kaum verbieten. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit der HJ, die sogar regelrechte Schlägertrupps losschickte.
Etwa ab 1937 waren in Leipzig Gruppen aktiv, die auch als "Meuten" bekannt wurden, wobei diese Bezeichnung von der Gestapo stammte. "Seit langer Zeit muss die Beobachtung gemacht werden, dass unter der Leipziger Jugend in bemerkenswerter Weise Unruhe herrscht", notierten die Gestapo-Beamten im Mai 1938. Die Meuten traten häufig ganz offen in Erscheinung und besetzten bewusst den öffentlichen Raum. In einigen Fällen wurden Streuzettel hergestellt, Fahnen abgerissen oder HJ-Mitglieder angegriffen. Die Mitgliederzahl dieser Gruppen schätzte die Gestapo auf etwa 1500. Insgesamt kam es in diesem Zusammenhang zu 290 namentlich überlieferten Ermittlungsverfahren, gegen einige junge Leute wurden mehrjährige Haftstrafen verhängt.
Auch in den Vierzigerjahren suchten junge Leute ihre Nischen - und fanden sie in Gruppen, die unter anderem die Liebe zum Jazz verband. Eine nannte sich "Broadway-Gangster". Im Gegensatz zu den "Meuten" konnten diese teilweise relativ ungehindert agieren.
Gestapo-Bericht: "Seit langer Zeit muss die Beobachtung gemacht werden, dass unter der Leipziger Jugend in bemerkenswerter Weise Unruhe herrscht."

Alexander Lange stellt die Gruppierungen ausführlich vor, die sich unter anderem in Connewitz, Lindenau, Reudnitz und Kleinzschocher trafen. Ihm kommt das Verdienst zu, diesen kaum bekannten Teil jugendlicher Leipziger Subkultur umfassend aufgearbeitet zu haben. Darüber hinaus nutzte er die wohl letzte Gelegenheit, mit Zeitzeugen zu sprechen.
Lange stellt auch dar, wie die DDR mit einstigen Mitgliedern der Leipziger Meuten umging. Wer sich den neuen Machthabern nicht unterwarf, dem blieb die Anerkennung als "Verfolgter des Naziregimes" versagt. So ging es einem früheren Mitglied der Meute "Reeperbahn" aus Lindenau, der wegen Vorbereitung zum Hochverrat im KZ Buchenwald einsaß. Wegen "unwürdigen Verhaltens" wurde ihm der Status als "Verfolgter" entzogen. Wer sich dagegen für das SED-Regime engagierte, konnte selbst bei nur geringer Aktivität im antifaschistischen Widerstand als "Verfolgter" anerkannt werden und sogar die hochangesehene Medaille "Kämpfer gegen den Faschismus" erhalten, wie Lange nachweist.
Einziger Wermutstropfen: Das Buch kommt - sieht man vom Titelfoto ab - leider ohne Bildmaterial aus, obwohl im Text von einigen existierenden Aufnahmen die Rede ist. Auch die eine oder andere Reproduktion eines Dokumentes hätte dem Buch sicher gutgetan.
Bert Endruszeit

Leipziger Volkszeitung, 7.1.2011 (Beilage Stadtleben Süd, S. 9)


Alexander Lange: Meuten - Broadway-Cliquen - Junge Garde. Leipziger Jugendgruppen im Dritten Reich. Böhlau-Verlag. 376 Seiten. 44,90 Euro.


Nachrichtenübersicht Nachricht vom 07.01.2011
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